digit-DL Zukunftsforum: Internet of Things – Disruptiver Wandel für die deutsche Wirtschaft?

Die Digitalisierung markiert einen grundlegenden und tiefgreifenden Umbruch in Wirtschaft und Gesellschaft. Mit dem Aufstieg des Internet of Things erfasst die disruptive Wucht der digitalen Transformation jetzt die traditionellen Industrie- und Dienstleistungsbereiche. Für die etablierten Unternehmen der deutschen Wirtschaft geht es nun nicht mehr allein darum, ihr bestehendes Geschäft durch den Einsatz digitaler Technologien weiterzuentwickeln. Sie stehen vielmehr vor der Herausforderung, sich mit neuartigen datenbasierten Geschäftsmodellen in vernetzten Wertschöpfungssystemen zu behaupten. Die weitreichenden Veränderungsdynamiken, die von dieser Entwicklung für Unternehmen, Beschäftigte und die Gesellschaft als ganze ausgehen, hat das BMBF-Projekt „Digitale Dienstleistung in modernen Wertschöpfungssystemen“ (digit-DL) in fünf Jahren Forschung untersucht. Als eines der ersten großangelegten Forschungs- und Entwicklungsvorhaben zur Digitalisierung der Wirtschaft hat es die Herausforderungen der digitalen Transformation – von der Ebene der Geschäfts- und Innovationsmodelle bis hin zur Organisation von Arbeit – ganzheitlich in den Blick genommen und Ansatzpunkte für nachhaltige Gestaltungsstrategien identifiziert.

Wie groß aktuell der Handlungsbedarf ist mit Blick auf die Frage, wie eine erfolgreiche Bewältigung des digitalen Umbruchs gelingen kann, hat zum Abschluss des Projekts das Zukunftsforum „Internet of Things: Disruptiver Wandel für die deutsche Wirtschaft?“ gezeigt, das am 21. Juni 2018 im Data Space by SAP in Berlin stattfand. Auf Einladung von Projektleiter Prof. Dr. Andreas Boes und Gastgeberin Eva Zauke von der SAP SE kamen hochkarätige Expertinnen und Experten aus Unternehmen, Verbänden und Politik zusammen, um gemeinsam auf Basis der aktuellen Forschungsergebnisse aus Deutschland und dem Silicon Valley zu diskutieren und die Frage nach den entscheidenden Weichenstellungen für die Bewältigung der Herausforderungen der digitalen Transformation in Deutschland und Europa anzugehen. Durch die spannenden Diskussionen auf der Veranstaltung führte Dr. Kira Marrs.

Wir haben hier die wichtigsten Eindrücke und Ergebnisse des Zukunftsforums sowie weiterführende Informationen für Sie zusammengestellt. Der auf der Veranstaltung erstmals präsentierte Forschungsreport „Der Aufstieg des Internet of Things: Disruptiver Wandel für die deutsche Wirtschaft?“ bündelt darüber hinaus die zentralen Forschungsergebnisse, gibt einen systematischen Überblick über zentrale Gestaltungsherausforderungen, versammelt die Perspektiven hochkarätiger Expertinnen und Experten und präsentiert Lösungsansätze aus der Praxis.

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Perspektive Forschung: Die strategische Bedeutung des IoT

Der Aufstieg des Internet of Things zum Game Changer in der digitalen Transformation

Prof. Dr. Andreas Boes, Vorstandsmitglied ISF München, apl. Prof. TU Darmstadt

Für Andreas Boes markiert der Aufstieg des Internet of Things einen Wendepunkt in der digitalen Transformation. Denn die Verknüpfung der Welt der Dinge mit dem Internet ebnet den Unternehmen der Internet-Ökonomie den Weg in die industriellen Kerne und traditionellen Dienstleistungsbereiche. Nachdem bisher vor allem IT und Consumer-Welt durch disruptive Innovationen verändert wurden, werden jetzt die Grundfesten der deutschen Wirtschaft erfasst. Mit dem Vordringen der Internetgiganten und Start-ups in die angestammten Felder der klassischen Ökonomie verändern sich dort die Spielregeln grundlegend. „Das IoT ist ein Game-Changer, der den Durchbruch von der industriellen Produktionsweise zur informatisierten Produktionsweise entscheidend vorantreibt“, betont der Experte. Dies stellt natürlich nicht nur die deutsche Wirtschaft vor neue Herausforderungen. Auch die Internet-Konzerne müssen verstehen, wie die Welt der Dinge und der industriellen Produktion funktioniert. Wer künftig die strategischen Positionen in den neuen Wertschöpfungssystemen besetzen wird, ist daher keineswegs ausgemacht, aber es entscheidet sich jetzt.

Das IoT wird so zu einem Gestaltungsthema von hoher Brisanz, das über die Wirtschaft hinaus die Gesellschaft als ganze betrifft. Die zentrale Herausforderung sieht der Soziologe darin, sich auf einen Umbruch mit offenem Ausgang einzustellen und aus dem für das deutsche Innovationssystem prägenden Muster der kontinuierlichen und schrittweisen Verbesserung bestehender Produkte und Prozesse auszubrechen. Für eine zukunftsorientierte Strategie zur Bewältigung des digitalen Umbruchs skizzierte er sechs Handlungsebenen: die Entwicklung neuer Ansätze, um die gigantischen Datenmengen aus industriellen Prozessen nutzbar zu machen; die konsequente Verknüpfung der Expertise im Bereich KI mit solchen Datenpools sowie dem Domain-Wissen und der kollektiven Intelligenz der Menschen; die Entwicklung einer industrieübergreifenden Cloud- und Plattformstrategie; die Ausbildung neuer Innovationsmuster sowie eines produktiven Umgangs mit disruptiven Veränderungen; und eine Qualifizierungsoffensive zur Weiterentwicklung des Domain-Wissens als strategischem Wettbewerbsvorteil.

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Perspektive Industriepolitik: IoT als Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft

Mit dem Game-Changer IoT erreicht die disruptive Wucht der Digitalisierung die traditionellen Industrie- und Dienstleistungsbereiche. In den neu entstehenden Wertschöpfungssystemen konkurrieren etablierte Konzerne, neue Start-ups, die Internetkonzerne des Silicon Valley und auch aus China um die strategischen Positionen. Die damit verbundenen industriepolitischen Herausforderungen für Deutschland und Europa waren Gegenstand einer spannenden Podiumsdiskussion: Wie gut ist der Standort Deutschland für diesen Umbruch aufgestellt? Vor welchen Herausforderungen stehen Wirtschaft und Politik? Wo und wie können wir die industriepolitischen Weichen richtig stellen?

Das mit kompetenten Experten und Querdenkern prominent besetzte Podium, das unter der Moderation von Dr. Kira Marrs diese Fragen diskutierte, war sich einig, dass Deutschland mit seinen starken industriellen Kernen und seinem hohen Ausbildungsgrad über eine gute Ausgangslage verfügt, um die digitale Transformation erfolgreich zu bewältigen. Gleichzeitig gelingt es noch zu selten und zu langsam, neues digitales Geschäft aufzubauen und auch zu skalieren. Die Digitalisierungsstrategien zielen in ihrem Kern allzu häufig auf die Vermeidung von Marktnachteilen und nicht auf die Schaffung von Marktvorteilen. Angesichts der Rasanz der Veränderungsdynamik und des hohen Drucks der Kapitalmärkte ist es höchste Zeit, die digitale Ökonomie ausgehend von den Stärken der deutschen Wirtschaft zu erschließen. Zu den Fragen, wie dies gelingen kann und wo die strategischen Handlungsfelder liegen, konnten in der engagierten Debatte zahlreiche weitergehende Impulse gesetzt werden.

So kommt es jetzt darauf an, den gigantischen Schatz an Industriedaten für neue Verwertungsformen zu öffnen und über Geschäftsmodellinnovationen den „Kommerzialisierungsgap“ zwischen „value creation“ und „value capturing“ zu schließen. Plädiert wurde zudem für eine neue Perspektive auf Wertschöpfung. Statt B2B und B2C zu trennen, ist es entscheidend, Wertschöpfungsprozesse „B2B2C“ bis hin zum Endkunden zu integrieren. Statt wie bisher produkt- und fachbezogen sollten Ausbildungsangebote daher künftig auch viel stärker wertschöpfungsbezogen konzipiert werden. Um in der Plattformökonomie zu punkten, gelte es den Aufbau unternehmensübergreifender Plattformen mit lebendigen anwendergetriebenen Ecosystemen voranzutreiben. Eine spannende Diskussion entwickelte sich auch mit Blick auf das Innovationsmodell. Dabei wurde deutlich: Es geht nicht mehr nur darum, eine Start-up-Kultur, sondern auch eine Scale-up-Kultur zu schaffen, die die schnelle, schubartige Skalierung von marktreifen Innovationen und globales Wachstum ermöglicht.

Übereinstimmend wurde in der Debatte betont, dass der zentrale Erfolgsfaktor für eine zukunftsorientierte Bewältigung des digitalen Umbruchs letztlich die Menschen sind. Es komme daher jetzt darauf an, Orientierung zu schaffen. Dabei entscheidend ist nicht die technische Beschreibung des Themas Digitalisierung, sondern die Aufklärung über den Nutzen in den Vordergrund zu rücken. In den Unternehmen können dazu gerade Führungskräfte und aktive Betriebsräte sowie die lebendige Mitbestimmungskultur einen wichtigen Beitrag leisten. Die Debatte kulminierte im Plädoyer für die Entwicklung eines positiven Leitbilds für die Gesellschaft als ganze, das im digitalen Umbruch Lust auf Zukunft weckt. Gefordert wurden etwa ein neuer Gesellschaftsvertrag und eine Aufklärung 2.0.

Vorstellung des Forschungsreports zum Aufstieg des IoT

Ein weiterer Höhepunkt der Veranstaltung war die Vorstellung des neuen Forschungsreports „Der Aufstieg des Internet of Things: Disruptiver Wandel für die deutsche Wirtschaft?“. Der Report basiert auf den Forschungsergebnissen des Projekts digit-DL in Deutschland und dem Silicon Valley. Er erklärt die wachsende Bedeutung des IoT in der digitalen Transformation, reflektiert die Auswirkungen auf die Wirtschaft und gibt einen systematischen Überblick über die damit verbundenen Gestaltungsherausforderungen. Durch die Kombination von Forschungsergebnissen, ausführlichen Interviews mit hochrangigen Expertinnen und Experten und Fallstudien ausgewählter Vorreiter-Unternehmen will der Forschungsreport einen ebenso wissenschaftlich fundierten wie praxisorientierten Beitrag zur erfolgreichen Bewältigung des digitalen Umbruchs leisten.

Insbesondere das von den Wissenschaftlern des ISF München auf Basis der Forschung mit Vorreiterunternehmen wie der Robert Bosch GmbH, SAP SE und Siemens AG erarbeitete „Referenzsystem der strategischen Gestaltungsfelder für das Internet of Things“ bietet eine wichtige Orientierung im Hinblick auf die entscheidenden Weichenstellungen in den Unternehmen. Sechs strategische Gestaltungsfelder stehen dabei im Fokus: die Gestaltung von IoT-Geschäftsmodellen, der grundlegende Wandel in der Qualifikationsstruktur, neue agile Organisationskonzepte für Arbeit, die Gestaltung von schlagkräftigen Ecosystemen, Strategien für die Verwertung von Daten und die Entwicklung neuer Formen von Interdisziplinarität zwischen der Welt der Dinge und der Welt der Informationen.

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Perspektive Unternehmen: Chancen und Herausforderungen des IoT

Die Perspektive der Unternehmen auf das IoT hat auch im Rahmen des Zukunftsforums eine zentrale Rolle gespielt. Prominent repräsentiert wurde sie durch Vertreterinnen und Vertreter beider Sozialparteien aus bedeutenden Unternehmen der deutschen Wirtschaft.

Ein besonderer Fokus der Veranstaltung lag dabei auf der Perspektive der Vorreiter-Unternehmen SAP SE, Bosch GmbH und Siemens AG. Von der Sensorik über IoT-Gateways bis hin zu IoT-Plattformen entwickeln sie nicht nur zentrale Basistechnologien für IoT-Lösungen. Sie treiben zudem gleichzeitig die Umsetzung von IoT-Anwendungen in ihren Unternehmen und bei ihren Kunden entscheidend voran. Im Zusammenspiel leisten sie so einen wichtigen Beitrag, um den Innovationssprung Internet of Things zu schaffen und in die Breite der deutschen Wirtschaft zu tragen. Eva Zauke, VP IoT & Digital Supply Chain bei der SAP, Dr. Rainer Kallenbach, CEO von Bosch Connected Mobility Solutions, und Prof. Dr. Dieter Wegener, Speaker „ZVEI Management Team Industrie 4.0“ und Head of External Cooperation bei Siemens Corporate Technology, präsentierten konkrete Ansätze und Strategien für das Internet of Things. Sie lieferten damit einen instruktiven Input für die Diskussion um die zentralen Herausforderungen des Internet der Dinge aus der Perspektive der Unternehmen.

SAP SE: Connecting people, things and business with IoT – challenges and opportunities

Die SAP SE hat die Entwicklung zum „intelligent enterprise“ als strategische Leitorientierung ausgegeben – mit dem Internet der Dinge als einem der entscheidenden Bausteine. Nach Einschätzung von Eva Zauke bietet es Unternehmen enorme Potenziale der Wertsteigerung. Bei der Weiterentwicklung von Produktportfolio und Technologien für das IoT spielt bei der SAP die Sicht von außen eine maßgebliche Rolle: „Die relevanten Anwendungsfälle definieren unsere Kunden“, sagt Zauke. Diese müssen mit technologischer Innovation ergänzt werden. Für die erfolgreiche Realisierung innovativer, IoT-basierter Geschäftsmodelle empfiehlt die Expertin nach dem Motto „think big, start small“ die Definition einer Vision und den Weg über definierte Meilensteine. Zu den großen Herausforderungen zählt sie die weitere Evolution der Standards, die Veredelung von Daten, das Lernen aus den Kundenprojekten sowie den Aufbau der hierfür notwendigen Kompetenzen und entsprechender Berufsprofile.

Bosch GmbH: Auf dem Weg ins Internet der Dinge

Die Robert Bosch GmbH hat das Internet der Dinge bereits 2008 auf die strategische Agenda gesetzt und arbeitet seitdem konsequent auf domänenübergreifende Lösungen hin. Erfolgsentscheidend ist hierbei natürlich der Aufbau neuer technologischer Kompetenzen, fast noch schwieriger ist es nach Beobachtung von Rainer Kallenbach jedoch, auch die „soften Themen“ zukunftsfähig zu gestalten, ohne bewährte Stärken aufzugeben. Hierzu gehören für ihn: eine agile Arbeitskultur mit selbstorganisierten, eigenverantwortlichen und kompetenten Teams sowie Führungskräften, die diesen Teams Freiräume lassen, die Entwicklung disruptiver Geschäftsmodelle auf der Basis hybrider Produkte und nicht zuletzt der Aufbau strategischer Allianzen in Ecosystemen. Denn der Experte weiß: „Niemand kann das IoT alleine stemmen.“

Siemens AG: Industrie 4.0 – Wie die Digitalisierung die Produktionskette revolutioniert

Die Siemens AG stellt sich der digitalen Transformation mit dem Aufbau eines breit angelegten Lösungs- und Produktportfolios für das Internet der Dinge. Dieter Wegener ist überzeugt: „Die Digitalisierung der Wirtschaft führt in eine vernetzte Welt.“ Ein Applikationsfeld ist „Industrie 4.0“ mit cyber-physischen Systemen sowie intelligenten Anlagen und Fabriken. Ziel sei es hier, über die Verknüpfung von Fertigungs- und Officebereichen für Interoperabilität zwischen Herstellern und Branchen zu sorgen. In der Folge entstehen smarte Dienstleistungen, Fabriken und Produkte. Um sich in diesen drei Dimensionen für die Zukunft aufzustellen, setzt Siemens auf seine cloudbasierte offene Plattform „Mindsphere“, digitalisierte Prozessabläufe mit „Digital Enterprise“ sowie Simulationstechnologien für die Schaffung digitaler Produktzwillinge.

Präsentation SAP SE
Präsentation Robert Bosch GmbH 
Präsentation Siemens AG

Fokus IoT Start-Ups: Innovative Geschäftsideen aus der Gründerszene

Start-ups sind ein elementarer Bestandteil der Innovations-Ecosysteme des IoT. Neben den Big Playern standen daher die Aktivitäten von IoT-Start-ups im Fokus. Gerade um systemübergreifende IoT-Anwendungen zu entwickeln und auf den Markt zu bringen, ist die enge Zusammenarbeit zwischen etablierten Großunternehmen und innovativen Start-ups von entscheidender Bedeutung.

Mit welcher Dynamik die deutsche Start-up-Szene den Aufbau des Internet of Things vorantreibt, hat die Pitching Session auf dem Zukunftsforum gezeigt. Drei Start-ups aus dem „Industry 4.0 Start-up Programm“ der SAP SE präsentierten ihre Geschäftsideen und Visionen: Die arculus GmbH verfolgt mit dem Aufbau eines modularen Produktionssystems für die Automobilbranche das revolutionäre Ziel, die Abkehr vom Fließband einzuleiten. Ihre Lösung zur flexiblen Organisation des Produktionsprozesses ermöglicht eine individualisierte Massenfertigung bis hin zur Losgröße 1. Breeze Technologies UG ist auf IoT-Lösungen für Smart Environment spezialisiert. Mit spezieller Sensorik und cloud-basierter Analysesoftware hat das Start-up einen innovativen Ansatz für ein systematisches Monitoring und die Steuerung der Luftqualität entwickelt. Und die 4tiitoo GmbH zielt mit ihrer Lösung darauf ab, die Interaktion zwischen Mensch und Computer grundlegend zu innovieren. Sie setzt dabei auf eine Kombination von Eyetracking und selbstlernender KI-Software, um die Ergonomie und Produktivität von Computer-Arbeitsplätzen zu verbessern.

Präsentation arculus-GmbH
Präsentation Breeze Technologies UG
Präsentation 4tiitoo GmbH