Pressemitteilung zur zweiten digit-DL Konferenz

In der Pressemitteilung des ISF München vom 28. Januar 2016 finden Sie alle wichtigen Informationen zum Vortrag von PD Dr. Andreas Boes und Dr. Tobias Kämpf auf der zweiten digit-DL Konferenz in Frankfurt am Main.

 

Pressemitteilung des ISF München vom 28. Januar 2016

Digitales Gründungsmekka: ISF-Wissenschaftler analysieren das Innovationssystem des Silicon Valley

Die Digitalisierung mit ihren gravierenden Folgen für Wirtschaft und Arbeitswelt ist das zentrale Thema in den Strategieabteilungen deutscher Unternehmen. Wer die Bedeutung dieses historischen Umbruchs in seiner Radikalität und Komplexität verstehen will, muss den Blick ins Silicon Valley richten. ISFWissenschaftler haben in Kalifornien im Rahmen des BMBF-Projekts digit-DL das Zentrum der neuen digitalen Ökonomie unter die Lupe genommen. Sie analysieren ein soziales Biotop, das mit großer Technikgläubigkeit und viel Geld die Transformation forciert. Die Experten sind überzeugt: Die Wirtschaft hierzulande wird einen anderen Weg ins digitale Zeitalter finden müssen.

„In der Bay Area vollzieht sich gerade ein Katapultstart in die digitale Gesellschaft“, berichteten PD Dr. Andreas Boes, Vorstandsmitglied des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF München) e.V., und Dr. Tobias Kämpf, Wissenschaftler am ISF, vor mehr als 100 Teilnehmern aus Unternehmen, Wissenschaft, Beratungsinstituten und Gewerkschaften, die heute als Gäste der IG Metall im Rahmen der zweiten digit-DL-Konferenz das Thema „Disruptiver Wandel: Gute Arbeit in der digitalen Ökonomie neu gestalten“ diskutierten.

Neben einem Ökosystem aus globalen IT-Konzernen und Start-ups, renommierten Universitäten und schnell verfügbarem Risikokapital kennzeichne das Silicon Valley vor allem eines, erklärten die beiden Soziologen: „Die Akteure dort haben die Bedeutung des Informationsraums als globaler und permanent verfügbarer gesellschaftlicher Handlungsraum und Fundament moderner Wertschöpfungsprozesse erkannt und nutzen ihn konsequent.“

Auf der Basis empirischer Erhebungen, die Boes und sein Forschungsteam „Informatisierung der Gesellschaft und Zukunft der Arbeit“ im Laufe ihres 14-tägigen Aufenthalts in Kalifornien durchgeführt haben, identifizieren die Experten vier Trends. So ist das „Internet der Dinge“ weit mehr als eine neue Technologie zur Automatisierung der Produktion. Tatsächlich produzieren die weltweit vernetzten Sensoren ein digitales Abbild der realen Welt in Echtzeit: „Alles, was wir tun und was passiert, kann gemessen, analysiert und ausgewertet werden“, sagt Tobias Kämpf. Offen sei, wer am Ende davon profitiere. Klar sei aber schon jetzt, dass auch industrielle Kernbranchen wie der deutsche Maschinenbau, die im Moment noch in der Industrie-4.0-Diskussion verharrten, sich dieser Herausforderung stellen müssten.

Ein weiteres Szenario, das sich abzeichnet, ist die „Disruption der Arbeitsmärke“ in Folge neuer Produktionsmodelle wie Cloudworking und Crowdsourcing. Unternehmen rekrutieren dort selbst für hochqualifizierte Tätigkeiten bedarfsgerecht und flexibel Arbeitskräfte, die im Netz weltweit zur Verfügung stehen und nach dem Prinzip der „Gamification“ für einen Job gegeneinander antreten. „Wenn dies zur Regel und darüber das Arbeitsrecht zur Disposition gestellt wird, verschieben sich die Kräfteverhältnisse in der Arbeitswelt grundlegend“, warnt der Soziologe.

Auch Christiane Benner, zweite Vorsitzende der IG Metall, betonte in ihrer Rede, Digitalisierung und Crowdwork dürften nicht zum Einfallstor für eine Absenkung der Arbeitsstandards werden. „Wir akzeptieren nicht, dass neben Leiharbeit und Werkverträgen durch die Plattformökonomie weitere prekäre Beschäftigungsverhältnisse entstehen. Wir wollen keine Amazonisierung der Arbeitswelt und keine rechtsfreien Räume wie im Silicon Valley“, sagte Benner. In Deutschland gebe es durch eine Kultur des sozialen Ausgleichs durch Mitbestimmung die Chance, Digitalisierung sozial und gerecht zu gestalten.

Das Silicon Valley zeigt auch, wie Arbeit im Informationsraum immer transparenter und messbarer wird: Unternehmen erfassen Daten und Kundenkontakte ihrer Vertriebsmitarbeiter, Beschäftigte dokumentieren tagesaktuell und sichtbar für alle den Stand ihrer Arbeit, ihre Kommunikation in den sozialen Medien wird gescannt. Dies diene nicht nur der Optimierung von Prozessen, sondern auch der gezielten Kontrolle und Steuerung von Menschen, glaubt Andreas Boes.

Wie im digitalen Gründungsmekka völlig neue Geschäftsmodelle entstehen, führt gerade die Automobilindustrie vor. Innovationen in dieser Branche drehen sich fast nur noch um die Frage, wie die Millionen Bytes von Daten, die ein Auto liefert, gewinnbringend für neue Funktionalitäten, das autonome Fahren oder für die Entwicklung gänzlich neuer Mobilitätskonzepte genutzt werden können. Entscheidend ist, wer künftig an der Spitze der Wertschöpfungsketten steht und wem es gelingt, sich mit neuen Geschäftsmodellen am Markt zu etablieren.

Insgesamt sei die Dynamik im Silicon Valley beeindruckend, bilanzieren Boes und Kämpf. Doch auf reife Volkswirtschaften wie Deutschland sei die dortige Philosophie nur sehr begrenzt übertragbar. „Naiver Technizismus ist zudem kein Ersatz für eine verantwortungsvolle und nachhaltige Gestaltung des Wandels durch Gesellschaft und Politik.“ Entscheidend sei, ob der Informationsraum als Vehikel für ein digitales Fließband und ein Kontrollpanoptikum der Daten genutzt werde oder als Ausgangsbasis für ein Mehr an Empowerment der Menschen.

Die Bedeutung der Forschung zur Gestaltung des digitalen Wandels erläuterte Prof. Dr. Wolf-Dieter Lukas, Leiter der Abteilung Schlüsseltechnologien – Forschung für Entwicklung im Bundesministerium für Bildung und Forschung, zur Eröffnung der Konferenz. Mit der Digitalisierung als Innovationstreiber von Technologien und Geschäftsmodellen befasste sich in seiner Keynote der Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH, Dr.-Ing. Stefan Hartung. Im Anschluss an das Vortragsprogramm bekamen die Teilnehmer im Rahmen eines Speed Think Tanks Gelegenheit zum Erfahrungs- und Meinungsaustausch über neue Innovationskulturen, die Herausforderungen der digitalen Arbeitswelt für die Mitbestimmung, Gestaltungsanforderungen für die Qualifizierung sowie die Chancen und Risiken von Crowdsourcing und Cloudworking.

Zur Pressemitteilung (PDF)

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.